OSN Interviews

Peter Maffay: "Wie mit 15 im Proberaum"

Posted by admin (admin) on 22.01.2014 at 11:50
OSN Interviews >>

 

 

Peter Maffay: "Wie mit 15 im Proberaum"
 

 

Peter Maffay präsentiert sein neues Album "Wenn das so ist" (Foto: Andreas Ortner)

 

 

 

 

Peter Maffay geht erst 2015 wieder auf Tournee (Foto: Andreas Ortner)
 


 

Peter Maffay schreibt seit über 30 Jahren Rockgeschichte. Zuletzt hielt ihn das Finale der ­„Tabaluga“- Trilogie in Atem, doch nun veröffentlicht der 63-Jährige mal wieder ein waschechtes Rock-Album: „Wenn das so ist“. Und wenn man Peter Maffay so zuhört, gewinnt man den ­Eindruck, er habe selten so viel Spaß bei einer Album-Produktion gehabt. Am 15. Januar stellte er das neue Werk live in München vor.

 


Wie war's denn, ein neues Album aufzunehmen, das nichts mit Tabaluga zu tun hat?


Befreiend (lacht). Es ist halt eine andere Baustelle. Tabaluga ist eine Figur, für die man etwas schreibt. Das sind völlig andere Voraussetzungen, man ist nicht stilistisch eingeengt oder festgelegt, wobei: Eingeengt ist nicht das richtige Wort. Man bedient eben eine Geschichte und eine kleine Figur. Im Falle unseres neuen Albums bedienen wir uns selber. Es gibt keine Kostüme, es gibt keine Geschichte, es gibt nur uns. Es ist alles ein bisschen...entschieden nackiger. Wir machen etwas, das nichts mit Tabaluga zu tun hat, sondern mit uns. Wir spielen Musik, die wiedergeben soll, wo wir musikalisch sind, wo wir inhaltlich stehen, welche Themen für uns wichtig sind, welche Stilistik für uns wichtig ist, welche unsere Leidenschaften sind und so weiter. Alles ist reduziert auf die sieben Leute, die da stattfinden.

 

Im ersten Song des Albums, „Niemals war es besser“, geht es unter anderem darum, dass du niemandem mehr etwas beweisen musst. Ist damit auch gemeint, dass du nicht mehr darauf achten musst, ob sich die neue Platte gut verkauft?


Das ist ein Teilaspekt. Wir führen ja gegen niemanden Krieg, ganz im Gegenteil. Es gab Zeiten, da musste oder wollte man ein ganzes bestimmtes Bild von sich erzeugen. Dieser Kampf um Image oder Nicht-Image und so weiter ist für uns nicht mehr wirklich relevant. Die Band klingt wie sie klingt.


Unsere Tour im Sommer hat deutlich gezeigt: Wir spielen inzwischen anders, als wir vor zehn Jahren geklungen haben. Sogar anders als bei unserem letzten Rock‘n‘Roll-Album vor fünf Jahren. Das hat letztlich auch damit zu tun, dass die Band schlanker geworden ist. Wir sind ein Mann weniger. Das schafft eine andere Transparenz. Das gibt jedem mehr Platz, sich zu entfalten und seine Stilistik mit der des anderen zu verweben. Wenn Luft in einem Gefüge ist, geht das einfach besser. Deswegen klingen die Gitarren so, wie sie jetzt klingen. Das Schlagzeug hat viel mehr Raum. Statt zwei Keyboardern, die sich manchmal ein bisschen im Weg standen, haben wir nur noch einen. Die Kompositionen werden dadurch ebenfalls anders. Das ist einfach unser jetziger Stand und den spielen wir leichter und befreiter als vorher. Das ist zumindest unser subjektiver Eindruck. Ich will damit niemandem in den Mund legen, dass er das, was wir machen, besser finden soll, als das, was wir früher gespielt haben.

 


Konntet ihr das neue Material schon live testen?


Ja, auch das haben wir früher nie gemacht, ich kann mich zumindest nicht erinnern, jemals unveröffentlichtes Material gespielt zu haben. Vom neuen Album dagegen schon, und die Songs gingen wie geschnitten Brot.


Wir wollten beobachten: Gehen die Leute jetzt Bier trinken oder bleiben sie dabei, wenn wir das spielen. Drei Songs sind immerhin knapp 15 Minuten reine Spielzeit, mit ein paar Ansagen dazwischen vielleicht fast 20. In einem Drei-Stunden-Programm können 20 Minuten schon einen Einbruch bedeuten. In unserem Fall hatte das allerdings eine beschleunigende Wirkung.

 


Kannst du noch mehr zur Herangehensweise an „Wenn das so ist“ sagen?


Wir haben uns über die Stilistik, über Tempi, über Arrangements selten so wenig Gedanken gemacht, wie bei diesem Album, weil sich alles einfach viel leichter ergeben hat, als es früher der Fall war. Früher haben wir uns manchmal ausführlich über ein Tempo unterhalten, wenn nicht gar gestritten. Das ist jetzt kein Kriterium mehr: Man spielt es, und wenn es sich gut anfühlt, dann ist es richtig.


Das gesamte Album ist so entstanden. Diese Herangehensweise setzt sich fort in den Texten, in der Synchronisation, beim Singen, hat sich fortgesetzt beim Mischen und hat sich fortgesetzt im allerletzten Schritt: dem Mastering. Von den meisten Songs habe ich fünf, sechs Aufnahmen. Wenn man sich die anhört, dann unterscheiden sie sich nicht sonderlich stark von den finalen Versionen. Klar hört sich das Demo unbearbeitet und rau an, aber es gehört zur selben Familie wie die Endversion. Der Song ist nicht weggedriftet oder was anderes geworden als das, was er am Anfang war. Das ist für mich ein Indiz dafür, dass man mit der musikalischen und künstlerischen Haltung richtig liegt.


Wenn sich Dinge oft verändern, dann deswegen, weil man unsicher ist. Diese Unsicherheit habe ich bei diesem Album überhaupt nicht gespürt. Auch jetzt, wo alles steht, nicht. Ich habe keine offenen Fragen mehr. Wir werden das Album so wie es ist sehr gut spielen können, glaube ich.

 


Habt ihr dennoch, bevor ihr ins Studio gegangen seid, eine Art Konzept entworfen? Habt ihr beispielsweise gesagt: Es muss live nach vorne gehen?


Jeder von uns macht sich zu einem Album sehr viele Gedanken, das ist völlig klar. Ein Album machst du vielleicht jedes zweite Jahr. Unser letztes Rockalbum liegt fünf Jahre zurück, weil wir „Tattoos“ und „Tabaluga“ dazwischen hatten. Das ist eine verdammt lange Zeit. Da fragt man sich natürlich schon: Was soll es denn bitteschön diesmal sein?


Ich persönliche wollte mich von Anfang an mit den Sounds und Riffs, mit den Tempi und Kompositionsstrukturen auseinandersetzen, die mich bewegt haben, als ich 14 oder 15 war. Ich kann dir genau sagen, warum ich heute hier sitze und mit meinen Freunden gerade ein Album fertig gemacht habe. Ich weiß genau, was der ausschlaggebende Grund war: Das waren ganz bestimmte Sounds. Das waren ganz bestimmte Riffs. Das waren ganz bestimmte Bands, die mir ein gewisses Lebensgefühl vermittelt haben, und dieses Lebensgefühl war mein Motor: Cream, Eric Clapton, Jack Bruce, Keith Richards. Ich finde nach wie vor, dass „I Can‘t Get No Satisfaction“ eines der Weltriffs überhaupt ist. Dieses Riff ist nicht nur ein Riff, sondern eine Lebenshaltung. Ich habe mich gefragt, wie ich dieses Lebensgefühl in die jetzige Zeit übertragen kann und wie viel davon ich selber spiele.

 


Und was du deinen Band-Kollegen überlässt?


Ich habe rechts und links Gitarrenspieler neben mir, die mich in Grund und Boden stampfen. Aber die Jungs haben gesagt: „Du hast mittlerweile eine ganz bestimmte Spielform. Nach 40 Jahren spielst du zwar immer noch nicht richtig gut, aber du spielst so, wie kein anderer, den ich kenne. Warum machen wir das nicht zu einem Element? Wir liefern dir das, was du nicht kannst, und du lieferst etwas, was wir nicht spielen.“ Daraus sind diese Gitarrenwände mit ganz eigener Stilistik entstanden, was wiederum den Kompositionen zugute kommt, von denen etliche ja auch von mir geschrieben wurden. Die sind deswegen so geschrieben, weil ich nun einmal auf eine bestimmte Art und Weise Gitarre spiele.

 


Klingt alles sehr...unbeschwert...


Bertram kam vor der Produktionsphase mit einer Anmerkung um die Ecke, die mir persönlich sehr geschmeckt hat. Er sagte: „Lass uns doch versuchen, so unbeschwert zu spielen wie mit 15 oder 17 im Probenraum. Ohne zu überlegen, geht das, geht das nicht. Einfach spielen, und wenn es nachher nicht funktioniert, haben wir Pech gehabt. Wenn es allerdings funktioniert, haben wir zusätzlich zum Spaß, den wir beim Spielen hatten, auch noch den Erfolg.“ Und so ist das Album entstanden.


Da sind ja Titel drauf, die bis zu sechs Minuten lang sind. Kein Mensch spielt solche Titel im Radio. Das wissen wir. Wir haben sogar so einen Song zur Single gemacht, weil wir gesagt haben: Das muss uns jetzt egal sein. Wir können nicht nach 40 Jahren in diesem Business zu Sklaven werden von irgendwelchen Parametern, die wir nicht leben. Das wäre eine Lüge.

 


Schreibt ihr erst die Musik, dann die Texte? Oder läuft diese Entwicklung parallel?


Meistens die Musik zuerst. Wir sind eigentlich alle viel mehr musikalisch getrieben und im Grunde genommen keine klassischen Songwriter, von denen einer sagt: „Ich habe jetzt eine geile Geschichte und die vertone ich.“


Einer der Songs auf dem Album heißt „Gelobtes Land“, eigentlich ein Dylan-Song. Den haben wir ein bisschen bearbeitet, eine eigene Version daraus gemacht. Als ich das Riff gehört habe und den Chorus, habe ich gesagt: „Das ist ein Bikersong, da setze ich mich auf meine Mühle, wünsch mir eine untergehende Sonne und genau in die fahre ich rein.“ Dann fingen wir an. Mein Textpartner und Mitstreiter, ein junger Texter names Nisse, hat mich gefragt, was ich bei dem Song fühle. Ich habe ihm erzählt, was Bikermentalität für mich bedeutet und wo die Affinität herkommt. Anschließend hat er einen solchen Song draus gemacht.

 


Diese Fahrt in den Sonnenuntergang gibt es ja auch im Video zu „Halleluja“, der ersten Single...


Ja. Das ist kein Spielfilm, ich habe diese Affinität zu Motorrädern, seit ich 18 bin. Ich bin auch in so einem Club drin und kenne andere Leute aus andern Clubs. Ich habe eine lebendige Beziehung zu solchen Sachen und die wird diesmal auch ausgelebt. Ich habe das eine Zeitlang unterdrückt, weil das oft ein bisschen missverstanden worden ist und ich kein Wasser auf die Mühlen gießen wollte. Aber das ist mir jetzt ehrlich gesagt scheißegal, denn wenn einer an meinem Tor in Spanien steht, sieht er mich da rein- und rausfahren. Das ist einfach so.

 


Das klingt alles nach mehr Herz, weniger Kopf.


Ich hoffe wirklich, dass wir das auch im Anschluss vermitteln können. Wir haben in relativ kurzer Zeit das Album eingespielt, weil wir auch schnell zueinander gefunden haben. Wenn du schnell zueinander findest, dann nicht, weil das rechnerisch passiert, sondern weil es bauchmäßig passiert.


Eine richtig schöne Verliebtheit ist Liebe auf den ersten Blick, nicht Liebe, nachdem du alles analysiert hast: Wie sind die Beine, wie ist der Körper, wie sind die Lippen, wie hübsch sind die Augen und so weiter. Nein, du siehst jemand und sagst, ich bin Feuer und Flamme. So muss es eigentlich auch mit einem Song sein. Der Song muss dich so anturnen, dass du sagst, den finde ich geil und den will ich jetzt spielen. Dann gibt es auch bei der Umsetzung keine Fragen, dann spielst du mit Härte und mit Bauch und dann liegst du richtig. So lief das bei allen Songs auf „Wenn das so ist“. Und noch mal: auch am Mischpult. Ronald Prent war der Sound Engineer, und wir haben kaum noch lange über irgendetwas reden müssen. Wir haben beispielsweise festgestellt, dass unser Flur ein unheimlich geiler Klangkörper ist. Wir haben ein Mikrofon da reingehängt, alle Türen offen gelassen und haben den Raum auf das Schlagzeug gesetzt. Es ist nur dieser beschissene Flur zu hören. Solche Experimente macht natürlich jeder, aber in unserem Fall ging das auf und wurde Teil der Handschrift. Wir haben etwa 60 Prozent der gesamten Aufnahmen live eingespielt. Der Rest wurde in Solo-Aufnahmen ergänzt.

 


Und die Band war sich immer einig?


Wenn etwas gelingt, favorisiert das den nächsten Schritt. Wenn der ebenfalls gut ist, beflügelt das den nächsten und wenn du Glück hast, entsteht daraus eine Kette von günstigen Umständen. Ist die erstmal da, kannst du über zwei, drei Wochen schön arbeiten. Dann gehst du rein und hast ein Klangbild, kannst immer gleich loslegen, verschleißt dich nicht dabei und wirst nicht nervös. Und wenn man Tai-Chi oder irgendeine Kampfkunst praktiziert weiß man, dass der Sieg immer in der Ruhe liegt. Und niemals in der Hektik.


Wir haben selten so viel gelacht, wie bei dieser Produktion, weil wir jetzt auch unter uns waren und alle Zoten, die dann passieren, ungestraft passieren können. Es ist ein guter Haufen von Leuten. Die Band ist im Augenblick wirklich sehr tight zusammen.

 


„Wie früher im Probenraum“. Heißt das, man kann so ein Album nur machen, wenn man entweder ganz am Anfang steht und sowieso nichts zu verlieren hat oder es als Künstler bereits geschafft hat?


Also diejenigen, die noch nicht geschliffen worden sind, haben uns gegenüber immer einen Vorteil. Ein Newcomer hat einen unglaublichen Vorteil, denn er hat noch keine Angst. Er braucht noch keine Angst vor Einschränkungen zu haben. Er hat vielleicht Existenzangst, weil er nicht wissen kann, ob das gut geht oder nicht. Aber er orientiert sich nicht an Formaten, an Einschränkungen, die durch andere passieren, an Manipulationen und so weiter. Wer dieser Haltung folgt, kreiert etwas völlig unverfälschtes, was sehr, sehr geil sein kann.


Später läuft man Gefahr, sich selbst zu kopieren, weil es beim ersten Mal so gut gelaufen ist. Dann beginnt die Erosion. Das haben wir alles erlebt und wir haben gemerkt, wie gefährlich es ist, jeden bedienen zu wollen. Das können wir nicht, und inzwischen wollen wir‘s auch nicht mehr. Nein. Wenn wir das wollten, dann sind wir jetzt schon tot. Die einzige Möglichkeit, zu überleben, ist, zu sich selber zu finden. Alles andere hat keine Überlebenschance. Sich zu verbiegen, um irgendwelchen Trends gerecht zu werden, würde bedeuten, dass wir eine mühsame über Jahre zustande gekommene Kontur wieder aufgeben. Warum? Es würde keinen Sinn machen.

 


Du setzt dich in deinen Texten mit tiefgründigen, philosophischen Fragen auseinander. Es wundert einen deshalb, wenn du sagst, ihr wärt keine Songwriter.


Da habe ich eines verpasst zu sagen: für mich ist Sound Text. Töne sind Text. Ganz am Anfang nehme eine Gitarre und spiele mir selber was vor. Das sind keine Texte im Sinne eines verbalen Niederschlags. Irgendwann, wenn ich finde, dass eine Melodie geil ist, fliegt ein Wort vorbei, das ich dann benütze. Ein Wort. Dann nehme ich die Stimmung, die ich aus der Musik ziehe, hinterfrage, warum ich das gemacht habe, und schon habe ich einen Inhalt. Zum Schluss können wir versuchen, diesen Inhalt einzukreisen.


Ich habe auf dem Album einen Song, da heißt es auf dem Demo: I never let you go. Ein Love Song. Ich lasse dich nie mehr gehen – platter geht es nicht mehr. Aber manchmal ist Liebe so platt. Und deswegen, weil sie dann so empfunden wird, also so tief empfunden wird, dann auch genau das Gegenteil von platt. Dann ist es einfach so. Dann ist „ich lasse dich nie mehr gehen“ die Spitze dessen, was man sagen kann.


Wenn ich eine Frau vor mir habe, die ich liebe, und ich sage, ich lass dich nie mehr gehen, dann heißt das: Ich liebe dich bis zum Abwinken, und wehe du verlässt mich. Damit verbinde ich ein unheimliches Bedürfnis, mit ihr zusammen zu sein, und das bringe ich eben so zum Ausdruck.


In diesem Lied gab es nur diese eine Zeile. Und das war jetzt schon fast ein Text, weil daraus etwas abzuleiten, ist nicht mehr schwer. Und der Song heißt jetzt auch „Lass mich in dein Herz“. Er hätte aber auch heißen können: Ich lass dich nie mehr gehen. Metrisch wäre es genauso gegangen.

 


Wer war die Inspiration für den Song „Bis zum Schluss“?


Mein Mentor Fritz Rau. Uns verband eine sehr, sehr intensive Freundschaft. Nicht nur für mich, auch für Udo und viele andere ist Fritz ein Leuchtturm gewesen. Fritz Rau hat, was nur wenige wissen, auch geschrieben Also nicht getextet, sondern Gedichte geschrieben. Und irgendwo in einem seiner Gedichte steht drin:

„Wenn du an mich denkst,
dann denk an Wellen und denke an Sturm,
dann weißt du, ich bin frei.“


Das ist der Hintergrund zu diesem Lied. Selbst in den heftigeren Songs wie beispielsweise dem Titeltrack „Wenn das so ist“ schwingt stets eine positive Aussage mit.


Meine Lebenshaltung ist eine positive. Egal wie hart es kommt, du hast Leute um dich herum, du hast Freunde, irgendjemand steht dir bei, guck dich um. Bedecke deine Augen nicht. Du hast ein Rückgrat, dass dir ein aufrechtes Gehen ermöglicht. Fighte. Ich greife das in manchen Liedern auf, weil ich glaube, dass wir von der Kraft, die wir haben – auch von meiner eigenen – etwas abgeben können. Und ich habe viele, viele unheimlich berührende Beispiele von Reaktionen von Menschen, die sagen, dass ihnen ein Song in einer bestimmten Situation immens geholfen hat.


Letztlich ist Musik immer mit Hoffnung verbunden. Wenn das nicht so wäre, würden wir Musik in den Kirchen nicht erleben. Viele Gebete gehen einher mit Musik.


Warum tanzen Schamanen um ein Feuer, beten ihre Götter an und singen dabei? Warum saßen wir mit Aborigines im Busch und haben mit Klanghölzern Musik gemacht, während die gesungen haben? Weil die gebetet haben. Auch Bach hat seine Sachen geschrieben, weil er eine Verbindung nach oben hatte, hundertprozentig.


Wenn man in einen Gottesdienst reingeht und ihn ein wenig analysiert, erzeugt das ein Gemeinschaftsgefühl. In dem Moment ist Singen eine Bündelung der Wünsche, eine Bündelung der Hoffnung, und es führt dazu, dass Leute mit genau diesem Gefühl wieder aus der Kirche rausgehen. Ich mache Musik, weil wir dieses Gefühl manchmal auf der Bühne erzeugen und davon etwas abgeben können.

 


Würdest du etwas ändern, wenn du als 15-Jähriger in der heutigen Zeit anfangen würdest, Musik zu machen?


(lacht) Wenn ich, wie damals vor der Entscheidung stünde, mache ich das oder nicht, dann würde ich genau dasselbe noch mal machen. Ich wüsste ja noch nicht, was auf mich zukommt.

 


Wär's denn heute einfacher oder schwieriger, mit der Musik durchzustarten?


(lacht) Es gibt Dinge, die einem das Leben leichter machen würden, es gibt Dinge, die einem das Leben schwerer machen würden. Die Dichte derer, die dasselbe Ziel haben, hat eher zugenommen. Die Dichte der Möglichkeiten, sich zu artikulieren, hat aber auch zugenommen. Wir haben viel mehr Plattformen, viel mehr Möglichkeiten in der Technologie und, und, und.


Letztlich sind aber die Gesetzmäßigkeiten die gleichen geblieben. So wie wir immer noch so essen wie vor tausenden, zehntausenden von Jahren, so wie wir immer noch Liebe machen in tausend Jahren, so ändert sich auch am Singen und Musizieren und dem, was damit zusammenhängt, nichts. Vielleicht gibt es andere Instrumente, aber der Grund, warum man es tut, wird der gleiche bleiben. Diese Frage würde ich mir also gar nicht stellen.


Ich würde mich wie damals auch fragen: Was tut mir gut? Und mir hat es gut getan, mich so zu entscheiden. Es gibt viele Dinge, die einschränkend sind. Mir geht es prima, aber ich habe meinen Sohn seit einem Monat nicht gesehen. Dabei sind er uns seine Mutter das Wichtigste in meinem Leben. Ich liebe aber auch Rock‘n‘Roll und ziehe es wieder mal so durch, dass wir uns kaum sehen. Alles hat seinen Preis.


Unterm Strich würde ich mich genau so wieder entscheiden, weil mir dieser Job auch die besten Möglichkeiten gibt, andere Dinge zu tun, beispielsweise die Stiftung. Das könnte ich alles nicht machen, wenn ich nicht irgendwann einmal ein Risiko eingegangen wäre.


Dieser Kolumbus ist ja auch gefahren, obwohl er nicht wusste, wo er landet, und trotzdem hat ihn seine Leidenschaft oder seine Vision so weit getrieben, dass er andere angetrieben hat. Musik zu machen ist eine Entdeckungsreise. Da bist du auch oft an dem Point of no return, und dann geht es nur nach vorne. Ich finde das sehr spannend. Immer, wenn ich auch Leute kennen gelernt habe, die ähnlich bereit waren, ein Risiko einzugehen, hat mich das sehr motiviert.

 


Das heißt, ein Risiko sollte man schon bereit sein einzugehen? Wenn man heute anfängt Musik zu machen, hört man ja von allen Seiten nur, mit dem CD-Verkauf ließe sich kein Geld mehr verdienen.


Also über eines muss man sich im Klaren sein: Musik gibt keine Garantien für nichts. Nicht für Einkommen, nicht für Berühmtheit, nicht für Satisfaktion. Das muss man sich erarbeiten, das muss man akzeptieren. Das ist ein Risiko, herauszufinden, ob das bei einem funktioniert oder nicht. Wenn einer natürlich als erstes beim Musikmachen ans Geldverdienen denkt, dann ist das der verkehrte Einstieg. Das ist so, als würdest du mit Sandalen auf den Mount Everest steigen wollen. Das ist falsch. Aber wenn einer weiß, worauf er sich einlässt, dann sagt er: „Jetzt versuche ich's mal ohne Sauerstoffgerät.“ Und schafft das.


Ich habe auch Schiss gehabt. Mein Vater hat mir gesagt, besser du lernst was und kannst darauf zurückgreifen, wenn es irgendwie nicht funktioniert, aber wenn du gar nicht anders kannst, dann mache das wenigstens so gut, wie es irgend möglich ist.


Ich habe mit 20 nicht viele Alternativen gehabt. Ich habe eine Lehrstelle gehabt und etwa 125 DM im Monat verdient. Damit konnte man nicht wirklich Bäume ausreißen. Für mich war nach vorne gehen eine Konsequenz, keine Alternative. Wenn ich irgendwie aus dieser Lage raus wollte, lag es nahe, auch was zu riskieren. Sehr viele andere Möglichkeiten gab es nicht.


Für einen anderen, der aus einem gut behüteten Haus mit großzügiger Ausstattung kommt, ist es viel, viel schwieriger, sich in ein solches Risiko hineinzubegeben. Wenn du von der Straße kommst und nicht viel hast, dann geht das relativ leicht. Aber selbst dann ist es eine Frage, gehe ich jetzt und drücke eine Schulbank, kämpfe mich irgendwie langsam hoch, oder mache ich einen Sprung aus dem Fenster und sehe zu, dass ich auf den Beinen lande?


Die Frage, ob man damit dann gleich viel Geld verdienen kann, ist wahrscheinlich die falsche Frage. Aus meiner Sicht. Und sie vernebelt auch ziemlich vieles, denn sie würde alleine schon bei der Beantwortung möglicherweise der Riegel sein, der alles wieder dichtmacht.


Musik zu machen bedeutet, sehr viel über sich selber nachzudenken. Das würde am Anfang stehen und nicht das Geld verdienen, denn wenn man dann die richtigen Entscheidungen trifft, weil man zu den richtigen Schlüssen gekommen ist, dann kommt der Rest automatisch, in welcher Dimension auch immer. Wenn einer richtig gut ist, dann wird er nicht untergehen.

 


Auch in der heutigen Zeit?


Schau mal: Früher war der Kuchen unter weniger Leuten aufgeteilt, aber: Wenn du zu viel Kuchen isst, dann war's das. Wenig abzukriegen und hungrig zu bleiben bedeutet, dass du dich mehr anstrengst, dass du fitter bist, dass du mehr nachdenkst, dass du schneller bist.


Wenn du dir pausenlos die Schienbeine an den Hürden aufschlägst, lernst du höher zu springen, weil es sonst wehtut. Also ich finde, diese Herausforderung, die ist vielleicht auf der einen Seite nachteilig, aber auf der anderen Seite auch förderlich. Und eigentlich ist es meiner Ansicht nach sinnvoller, das halbvolle Glas zu sehen, anstatt zu sagen, alles sei komplizierter geworden und zu jammern. Das ist nicht der Weg.


Man muss sich fragen, wo sind die Schlupflöcher, wo komme ich durch, wo ist die Schwachstelle, die es mir ermöglicht, das Hindernis zu überwinden? In dem Augenblick, wo ich das erkenne, ist es kein Hindernis mehr und ich bin durch.


Wie gesagt, auf der anderen Seite ist der Überlebenskampf, der Wettbewerb, die Komplexität hat zugenommen. Aber die Möglichkeiten ebenfalls. So vielschichtig musikalisch wie der Markt heute ist, war er noch nie. Jede Musikstilistik hat irgendwo auch ein Publikum. Wenn dich eine Plattenfirma früher nicht akzeptiert hat, war‘s das. Damals gab es vielleicht zehn Adressen und du bist mit deinem Lied hausieren gegangen. Wenn es keinem gefiel, gab's keine Alternativen mehr.


Heute nimmt einer sein Zeug, geht ins Netz und sagt, Leute, ihr könnt mich alle kreuzweise. Hier bin ich, und 100 000 sagen, das wollen wir haben. Meiner Ansicht nach ist das fast noch besser.


Klar haben wir Defizite bei der Rechteauswertung und so weiter. Es gibt auch ungeklärte Fragen z. B. Urheberrechte. Wie weit dürfen die ausgebeutet werden, ohne dass der Urheber etwas davon hat? Und, und, und. Das muss man regeln. Da muss man Einfluss nehmen auf den Gesetzgeber, damit derjenige, der etwas kreiert geschützt wird. Wenn aber dieser Urheber unter der jetzigen Situation leidet, profitiert er auf der anderen Seite auch von der Vielschichtigkeit dessen, was machbar ist. Es ist eine Medaille mit zwei Seiten, und das hat sich im Grunde genommen nicht geändert.

 


Gibt’s dieses Jahr eine Tour?


Nein. Dieses Jahr halten wir absolut die Klappe. Wir haben so viel gespielt in den letzten drei Jahren, dass wir ein bisschen was anderes machen wollen.


Ich möchte ein wenig die Ruhe genießen. Ich möchte mich, wie ich schon angedeutet habe, auf andere Dinge besinnen. Mein kleiner Junge, der macht Riesensprünge. Der ist jetzt zehn. Ich kriege davon nichts mit, oder wenig. Ein Jahr ist wahnsinnig schnell vorbei. Die Pause wird auch uns gut tun, wird dem Publikum gut tun, und das Jahr darauf geben wir dann, was Tour anbelangt, Gas.


Im ersten Halbjahr 2014 werde ich sowieso promomäßig ziemlich viel unterwegs sein. Ja und dann gibt es noch die Stiftung, die ich ebenfalls nicht nur so zwischen Tür und Angel machen will. Wir haben vor, in Rumänien einiges zu realisieren.


Und ich will endlich auch mal wieder ein paar Tage länger in Spanien sein, wo ich immer vorgebe zu sein, aber selten bin. Die saufen die ganze Zeit den Wein da weg und ich kriege nichts mit.

 


Wo wurde das Video zu „Halleluja“ gedreht?


Fuerteventura. Ich bin da öfter. Ich habe da einen Freund und bin im Jahr ein-, zweimal auf der Insel. In dem Ort, in dem ich dann bin geht nichts, da geht kein Telefon. Dort gibt es ein Restaurant, oder besser gesagt einen Container mit einem Fischer, der abends rausgeht und morgens mit seinem Fang zurückkehrt. Man kann sich dann aussuchen, was man am Abend essen möchte. Dazu gibt es diese Salzkartoffeln in Meerwasser geschwenkt, eine Flasche Bier, einen Zigarillo und den allerschönsten Sonnenuntergang, den man sich vorstellen kann. Das Ganze zu einem mehr als vertretbaren Preis. Fertig.


Mein Freund hat da eine Bude. Ein Häuschen. Du machst die Tür auf und liegst eigentlich schon im Bett. Aber du machst das Fenster auf und guckst bis nach Südamerika.

 


Man sieht in dem Video auch einige Aufnahmen aus „Begegnungen“, nicht wahr?


Ja, aus dem ersten „Begegnungen“-Projekt, bei dem es um Radikalismus und Rassismus und Dinge dieser Art ging. Wir haben mit etlichen Leuten zusammengearbeitet, unter anderem eben mit den Aborigines. Die luden uns damals ein und sagten: „Wir machen erst mit euch Musik, wenn wir wissen, wer ihr seid.“ Also sind wir nach Australien gefolgen und haben drei Wochen lang mit ihnen im Camp gehaust. So sind wir uns dann nähergekommen.


Dieses verstehen, Verzeihen, aufeinander zugehen und so weiter, das sollten diese Bilder ein bisschen implizieren, genauso wie die Bilder an der Klagemauer. Das ist auf derselben Reise passiert. Dort habe ich eine fantastische Sängerin kennen gelernt, Noa. Damals, wie heute, eine sehr engagierte junge Künstlerin. Inzwischen eine reife Frau mit zwei Kindern.


Dann ist mir Desmond Tutu begegnet, der mir erklärt hat, dass ein sinnvoller Dialog nur beginnen kann, wenn man alles runterfährt auf Null. Und Verzeihen ist die Basis für Perspektive. Davon redet dieser Song. Und deswegen sind diese Bilder drin.

 


Hast du auf diesen Reisen und Begegnungen vielleicht auch Kulturen kennen gelernt, denen Tätowierungen so wichtig sind, wie dir?


Die Maori, ja. Das auf meinem Arm ist ein Maori-Tattoo. Ich war zweimal in Neuseeland und bin einmal durch die ganze Südsee geschippert. Aber mein erstes Tattoo habe ich nicht dort stechen lassen, sondern in Kanada. Ich habe mal zwei Jahre lang in British Columbia am Rande eines Reservats gelebt. Die Indianer haben wunderschöne Symbole in ihrer Religion. Und dort habe ich mein erstes Tattoo bekommen.


Das Maoriverständnis ist sehr, sehr interessant. Ich habe Menschen kennen gelernt, die komplett tätowiert sind. Und nicht mit der Technologie, die wir kennen. Die benützen zum Beispiel Haifischzähne und hämmern das rein. Dadurch entstehen ganz andere Wunden, die auch anders vernarben. Diese Tattoos sind erhabener. Unsere, die mit der Nadel gemacht werden, sind relativ flach, weil die nicht so tief gehen. Aber dort fließt richtig viel Blut. Es hat mich schon immer beeindruckt, dass Menschen diese Schmerzen auf sich nehmen, um damit ihre Haltung zu dokumentieren.

 


Hast du eines von deinen Tattoos je bereut?


Ich habe mir die alle gut überlegt und bin gerade dabei, mir schon wieder was ... Du hörst ja nicht mehr auf damit. Meine Sekretärin Chrissie kam heute Morgen auch zu mir und sagte: „Guck!“ Die ist auch richtig tätowiert.

 


Und wenn dein Sohn mal kommt und sagt: „Papa, hätte ich auch gerne“?


Das ist seine Haut. Das muss er selber wissen. Seine Mutter sagt immer: „Überlege dir das gut.“ Das würde ich ihm wahrscheinlich auch sagen. Aber ich würde es ihm ganz bestimmt nicht verbieten. Ich würde ihm nur sagen: „Dekoriere deinen Körper mit sinnvollem Zeug. Überlege dir, was du da dir draufmachen lässt, bekenne Dich dazu. Ich habe meinen Papa auch nicht gefragt, soll ich oder soll ich nicht.

 


Autor: Gideon Gottfried

Quelle: Musikmarkt - 16.01.2014

 

Back