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Rainhard Fendrich mit "musikmarkt" im Interview: "Ich fühle mich altersgerecht"

Posted by admin (admin) on 03.03.2015 at 06:08
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Rainhard Fendrich mit "musikmarkt" im Interview: "Ich fühle mich altersgerecht"
 

Sprach mit "musikmarkt" über gestern, heute und morgen: Rainhard Fendrich (Foto: Dominik Beckmann)
 

Im Januar veröffentlichte Rainhard Fendrich sein neues Album "Auf den zweiten Blick" mit neu eingspielten Songs, die bisher im Schatten der Hits standen. Heute, 27. Februar, feiert er seinen 60. Geburtstag. Pünktlich dazu erscheint bei Sony und Universal jeweils eine Doppel-CD mit dem Titeln "Zwischen heute und gestern" und "Zwischen gestern und heute", die seine Karriere dokumentieren. Einen Blick in die Vergangenheit ebenso wie in die Zukunft gewährte Rainhard Fendrich auch "musikmarkt" im Interview.

 

Sie feiern ihren 60. Geburtstag. Man ist bekanntlich immer so alt, wie man sich fühlt. Wie jung fühlen Sie sich?
Rainhard Fendrich: Ich fühle mich eigentlich altersgerecht. Ich unterliege nicht dem Jugendwahn. Älter werden ist eine Erfahrung, die jeder für sich individuell machen muss. Die Zeit wird mit fortschreitendem Alter kostbarer, es ist absehbar. Man hat die Hälfte seines Lebens überschritten, aber das ist nicht unbedingt ein beängstigendes Gefühl. Man hat andere Perspektiven. Ich fühle mich eigentlich sehr wohl in meinem Alter.

 

Die Midlife-Crisis haben Sie schon hinter sich?
Rainhard Fendrich: Die kam bei mir sehr früh. Etwa mit 30. Da hatte ich plötzlich schreckliche Angst, es könnte alles auf einmal vorbei sein. Dass mir nichts mehr einfällt. Und ich habe zu der Zeit auch dementsprechende Songs geschrieben, wo ich mir heute, wenn ich sie höre, denke: "Was willst du eigentlich?" (lacht)

 

Wird gefeiert?
Rainhard Fendrich: Ich feiere keine Geburtstage mehr. Meinen 50. habe ich noch mit Freunden gefeiert. Zu meinem 60. werde ich kurz vorher wohl ins Reisebüro gehen und mich mit einer Reise selbst überraschen.

 

Ist das Album "Auf den zweiten Blick" in gewisser Weise auch ein Geschenk an Sie selbst?
Rainhard Fendrich: Geschenk würde ich nicht sagen, aber es hat mit meinem Geburtstag zu tun. Es erscheinen zu runden Geburtstag unweigerlich ohnehin immer Sampler, und ich dachte mir, dieses Mal nehme ich das selbst in die Hand. Ich habe mir dann meine Songs von früher bis heute mal angehört und war erstaunt, was da doch alles dabei war. Bei den älteren Sachen war es fast so, als würde ich mich mit meinem Sohn auseinandersetzen. Neu eingespielt klingen die Songs jetzt auch viel reifer. Ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis, es ist eben persönlicher, kein Sampler, wie jeder andere. Die Hits kennen die Leute eh. Ich habe deshalb Songs ausgewählt, die bisher im Schatten der Hits standen.

 

Ist allerdings dann eher für die treuen Fans gedacht...
Rainhard Fendrich: Klar, das Konzept ist nicht großartig auf Verkauf ausgelegt. Ich bin in der glücklichen Situation, auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken zu können und auf Verkäufe nicht mehr angewiesen zu sein. Und jetzt mache ich meinen Beruf eben wieder zum Hobby. Ich bin keinem Erfolgsdruck mehr unterworfen, das ist ein sehr befreiendes Gefühl.

 

Gab's auch Songs, bei denen Sie sich gedacht haben: "Das hätte ich mir sparen können"?
Rainhard Fendrich: Ja, natürlich. Ich habe über 700 Lieder geschrieben, von denen vielleicht ein Drittel veröffentlicht wurde. Da war nicht alles Gold. (lacht) Aber interessant war es allemal.

 

Haben Sie auch Veränderungen an den ausgewählten Songs vorgenommen?
Rainhard Fendrich: Nur kleine an manchen Stellen, entweder wenn es metrisch nicht ganz passte, dann habe ich umgetextet, dass es sich besser reimt, oder aus Aktualitätsgründen.

 

Sie spielen in Ihren Songs gern mit Klischees, immer mit einem ironischen Unterton. Wieviel Realität steckt aber dann doch im Klischee?
Rainhard Fendrich: Ein Klischee muss erst einmal zu einem Klischee werden. Und Klischees entstehen aus der Realität heraus. Klischee heißt eben nicht, dass etwas nicht wahr ist. Aber sie eignen sich sehr gut dazu, um etwas zu kritisieren.

 

In den Medien kann man immer wieder lesen, ganz plakativ: "Der Austropop ist tot". Stimmt das?
Rainhard Fendrich: Das liest man seit 20 Jahren. (lacht) Aber Totgesagte leben länger. Was mich wirklich traurig macht, ist, dass Radiosender wie beispielsweise Ö3 nicht mehr wirklich Plattformen für junge österreichische Künstler geben. Da geht es aber nicht um den Austropop von damals. Wolfgang Ambros, Georg Danzer, André Heller und mich hätte es ohne Ö3 nicht gegeben. Heute ist Ö3 aber ein Mitläuferradio geworden. Alles ist amerikanisiert, vor allem ausländischen Erfolg wird ein Kniefall gemacht. So hat der österreichische Nachwuchs keine Chance. In Deutschland herrscht wieder eine sehr gesunde Singer/Songwriter-Szene. Daran sieht man, dass es schon funktionieren würde.

 

Ist eine Quote die richtige Lösung?
Rainhard Fendrich: Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es sicherlich nicht verkehrt, denn es gehen Millionen ins Ausland. Mit Udo Jürgens, der omnipräsent war, egal was er tat, ist wohl der letzte österreichische Künstler dieser Art gestorben. Da kommt auch nichts mehr nach. Auf der anderen Seite ist es nicht richtig, etwas zu erzwingen. Ich persönlich wäre zu stolz, mich mit einem Transparent auf die Straße zu stellen und zu betteln, dass meine Lieder gespielt werden. Wer mich nicht hören will, soll's bleiben lassen. Es müsste eigentlich selbstverständlich sein, dass man einheimische Musik pflegt, allein vom kulturellen Standpunkt her.

 

Mit Andreas Gabalier hat sich ein österreichischer Künstler in den letzten Jahren etablieren können. Ihm wird allerdings auch immer wieder Nationalismus vorgeworfen. Als Ihr Song "I'm From Austria" rauskam, sahen sie sich der gleichen Kritik ausgesetzt. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Nationalismus und Heimatverbundenheit?
Rainhard Fendrich: Das war interessant zu sehen. Der Titel wurde zunächst kritisiert und abgelehnt. Auch deshalb, weil viele sich nicht die Zeit genommen haben, sich den Text genau anzuhören, denn der ist sehr kritisch. Dieses Land hat viel Schuld auf sich geladen, keine Frage, aber es ist meine Heimat und ich stehe zu ihr, das traue ich mich sagen. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun.

 

Die Kritik klingt heutzutage lächerlich, wenn man an den Song denkt.
Rainhard Fendrich: Ja, weil er erfolgreich wurde und er gern gehört wurde. Aber Gabalier wird jetzt momentan kritisiert. Für mich ist das volkstümlicher Schlager. Ich persönlich habe keinen Zugang zu der Musik, aber alles hat seine Berechtigung. Der Grund warum sich manchmal über ein einzelnes Lied mehr aufgeregt wird, als über die Finanzpolitik der Bundesregierung, ist doch, dass Lieder sehr nah an unsere Seele herankommen. Man muss das relativieren.

 

Und man muss aufpassen, was man sagt, sonst hat man in sozialen Netzwerken sofort einen "Shitstorm" am Hals. Wie stehen Sie zu Facebook und Co.?
Rainhard Fendrich: Für einen Künstler sind soziale Netzwerke unumgänglich. Man kann auch wirklich ein tolles Marketing betreiben, alles ganz offiziell. Privat benutze ich gar kein Facebook. Ich komme aus einer Zeit ohne Computer, wo man noch Autogrammkarten auf Papier geschrieben hat. Ich gehe mittlerweile auch sehr vorsichtig mit Fotos um. Früher war ein Foto eben ein Foto. Heutzutage verbreitet sich das überall im Internet. Da habe ich manchmal Angst, dass das Dimensionen annimmt, die viel zu weit in mein Privatleben gehen. Und "Shitstorms" darf man nicht zu ernst nehmen. Wenn 500 Leute, oder sollen es 1000 sein, ihren Senf abgeben, ist das nur ein verschwindend geringer Prozentsatz einer wirklichen Meinung. Die Anonymität verleitet dazu, überall mitzureden. Und diese Leute erhalten dadurch eine Wertigkeit, die ihnen gar nicht zusteht. Wenn jeder mit vollem Namen samt Anschrift da drin stehen würde, würde das an einigen Stellen anders aussehen.

 

Was ist für die Zukunft geplant?
Rainhard Fendrich: Es wird ein Musical geben mit meinen Songs unter dem Titel "I'm From Austria". Das war gar nicht meine Idee. Ich war sehr erstaunt als mir das Angebot gemacht wurde. Ich persönlich finde mein Werk nicht so bedeutend, dass man daraus ein Musical machen müsste, aber es ist natürlich eine große Ehre für mich. Das ist auch der Zeitgeist, dass die Leute gerne Geschichte sehen zu Musik, die sie kennen und gerne hören. Das sieht man an Musicals mit Musik von ABBA, Queen etc. Ich habe mich dann mit den zuständigen Herrschaften der Vereinigten Bühnen Wiens getroffen, und jetzt momentan wird ein Drehbuch geschrieben. Mehr darf ich noch nicht verraten.

 

Hat es inhaltlich mit Ihrem Leben zu tun?
Rainhard Fendrich: Nein, überhaupt nicht. Das Konzept ist ähnlich wie beim Udo-Jürgens-Musical. Es ist auch annähernd dasselbe Team.

 

Wie lange muss man darauf noch warten?
Rainhard Fendrich: Der ungefähre Premierentermin ist im März 2016. Danach gibt es dann auch wieder neue Songs und eine Tournee.

 

Autor: Michael Nützel
 
Quelle: Musikmarkt - 27.02.2015

 

 

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