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Roger Cicero im Interview mit Musikmarkt: "Glück ist leicht"

Posted by admin (admin) on 30.03.2014 at 13:52
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Roger Cicero im Interview mit Musikmarkt: "Glück ist leicht"
 

 


Roger Cicero: "'Was immer auch kommt' ist sehr nah an mir dran" (Foto: Mathias Bothor)
 

 

 


"Was immer auch kommt" erscheint am 28. März (Cover: Mathias Bothor)

 

 

Am 28. März erscheint "Was immer auch kommt" (Starwatch/Warner Music), das neue Album von Roger Cicero. War der Vorgänger "In diesem Moment" schon sehr persönlich, so geht der Sänger auf seinem neuen Werk nochmals eine Stufe tiefer.

 

Dein letztes Album, "In diesem Moment", ist 2011 erschienen? Was hast du seitdem gemacht?

(lacht) Ich bin natürlich erstmal noch sehr, sehr viel getourt, bis Ende August 2012. Ich habe dann im letzten Jahr schon mit der Produktion für dieses Album angefangen, war dazwischen aber auch noch mit einem Jazztrio unterwegs und habe ein englischsprachiges Jazzprogramm auf die Bühne gebracht, die "Roger Cicero Jazz Experience". Damit habe ich ein paar schöne ausgewählte Festivals in Deutschland gespielt, was großen Spaß gemacht hat.

 

Dein letztes Album war schon sehr persönlich. Auf "Was immer auch kommt" hat man das Gefühl, du gehst noch einen Schritt weiter. Würdest du das bestätigen?

Ja, auf jeden Fall. Es gab sicherlich auch schon sehr, sehr persönliche Titel auf den vorherigen Alben, allerdings nicht in der Fülle. "Was immer auch kommt" ist schon sehr nah an mir dran.

 

Hat dich das Überwindung gekostet, oder wolltest du bestimmte Dinge einfach rausschreien und loswerden?

(lacht) Was heißt loswerden? Ich wollte sie beschreiben, definitiv. Es sind sehr viele Titel dabei, die mit Veränderungen an sich zu tun haben, mit Transformationen: Wie geht man mit neuen Sachen um, mit neuen Erfahrungen, die auf einen zukommen und von denen man noch überhaupt nicht weiß, was sie zu bedeuten haben? Wie öffnet man sich für so was und wie hält man dieses Bewusstsein, neue Umstände zu umarmen, lebendig? Jeder Titel auf diesem Album beschreibt eine ganz bestimmte Emotion oder Haltung, und ich glaube, deswegen wirkt es auch so persönlich. Ich habe sehr genau darauf geachtet, dass wirklich jeder Zwischenton und jede Zwischenzeile das ausdrückt, was ich damit ausdrücken will. Oftmals handelt es sich dabei nur um ein Gefühl. Ich habe so viele Lieblingssätze auf diesem Album, Sätze, die mich total ausmachen und mir entsprechen. Das macht's natürlich auch besonders spannend.

 

Teilweise enthalten die Texte fast schon buddhistische Wahrheiten. Hat es lange gedauert, auf diese Texte zu kommen?

Texte sind immer das, was am längsten dauert bei deutschsprachigen Alben. Das bestätigen mir immer wieder ganz, ganz viele Kollegen. Das Texten war auch bei diesem Album ein Weg, der sich bis zur letzten Sekunde erstreckt hat. Am Schluss wurde es noch mal sehr hektisch, sehr aufgeregt.

 

Hast du wieder mit mehreren Textern zusammengearbeitet?

Ja.

 

Inhaltlich liefert "Was immer auch kommt" genug Stoff für stundenlange philosophische Diskussionen. Also falls du nichts dagegen hast...

Ja. (lacht) Auch sehr gerne.

 

Im Song "Wenn du die Wahl hast" beispielsweise stellst du immer wieder die Frage: "Warum machst du es nicht einfach?" Was, glaubst du, ist der Grund dafür, dass man ständig zweifelt?

Hah! Das ist eine sehr, sehr gute Frage, die extrem schwierig zu beantworten ist. Ich bin ja selbst so ein Zweifler und hinterfrage mich total oft. Manchmal beneide ich Leute, die den Eindruck machen, sie täten das nicht. Auf der anderen Seite gewinnt man durch dieses ständige Hinterfragen auch Erkenntnisse, die durchaus wertvoll sind und einen weiterbringen. Darum weiß ich gar nicht, ob ich das aufgeben würde. Nur kann ich nicht beantworten, warum ich das tue?

Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es sich immer lohnt, etwas zu tun, was man vorher noch nicht gemacht hat, manchmal auch ganz stoisch einfach das Gegenteil von dem zu tun, was man normalerweise tut. Allerdings ist das auch gleichzeitig die größte Herausforderung, weil der Kopf sich sofort viele tolle Sachen ausdenken kann, warum das jetzt unbedingt in die Hose gehen muss. Der Verstand ist rigoros im sich Ausmalen irgendwelcher Zukunftsillusionen, die meistens schlecht ausgehen (lacht). Es erstaunt mich immer wieder, wie viel Aufwand es kostet, um einfach mal etwas anders zu machen und ich wollte auf diesem Album genau darüber sprechen.

Nimm die Zeile "Wenn's morgen schon zu Ende wäre, dann lebe ich vielleicht heute ein kleines bisschen mehr" beispielsweise: Selbst die Vorstellung, dass es morgen wirklich zu Ende sein könnte – eine Vorstellung, die einen ja ganz leicht beflügeln könnte – reicht nicht aus, um wirklich etwas zu ändern. Es ist nicht einfach, aber wenn man dran bleibt, dann klappt es irgendwann.

 

In einem Song singst du darüber, so viele Lieder zu schreiben wie noch nie zuvor. Fühlst du dich gerade besonders inspiriert?

Inspiration ist lustigerweise etwas, das mich ich nie übermannt oder ähnliches. Bei mir funktioniert das anders: Ich muss mich an gewisse Orte begeben und sagen: Jetzt ist Zeit für Inspiration, jetzt ist Zeit fürs Liederschreiben, jetzt ist Zeit, um nachzudenken. Und jedes Mal denke ich, dieses Mal wird‘s nicht klappen. Sobald ich jedoch ins Studio gehe und gemeinsam mit anderen Leuten zu arbeiten beginne, kommt man irgendwann in so einen Fluss, was ich jedes Mal wieder total erstaunlich finde. Es gibt ja Leute, denen Dinge einfallen, wenn sie auf der Toilette oder im Auto sitzen, oder unter der Dusche stehen. So etwas passiert mir eher selten. Für mich ist das Songschreiben Arbeit. Ich setze mich hin und öffne mich der Möglichkeit, dass eine Idee kommt (lacht).

 

Im Song "Durch deine Augen" geht es darum, die Welt durch die Augen eines Kindes zu betrachten. Glaubst du, das sollte man öfter tun?

Ja, im Sinne von offen und vor allem neugierig zu bleiben und neue Umständen anzunehmen. Ich erlebe meinen Sohn manchmal unglaublich stur und bockig. Dann will er etwas unbedingt und lässt sich von nichts auf der Welt abbringen. Wenn jeder so reagieren würde, würde das auch nicht gerade helfen, weniger Kriege zu führen (lacht). Auf der anderen Seite nimmt er teilweise einfach Sachen an und hinterfragt sie überhaupt nicht. In bestimmten Situationen macht er den Eindruck, als sei alles okay, obwohl ich mir denk, er müsste das doch total doof finden. Aber ihn stört das überhaupt nicht, was ich immer wieder völlig faszinierend finde.

 

In vielen Songs stellst du auch einfach Fragen. Bist du jemand, der auf alles eine Antwort haben will, oder gibst du dich auch damit zufrieden, dass sich manche Dinge unserer Erkenntnis oder unserer Vorstellungskraft oder unserer Macht entziehen?

Total. Absolut. Das ist ja auch eine Zeile von "Glück ist leicht". Das Gefühl, es gibt Dinge, die man nicht erklären kann, Situationen, in denen man spürt, dass es da was Höheres gibt. Dinge, die ich auch in tausend Jahren nicht begreifen werde, Wunder, die ich einfach nicht begreifen kann. Es hat ja auch etwas sehr Erhabenes, festzustellen, dass es solche Dinge gibt.

 

Was war dir bei der musikalischen Umsetzung von "Was immer auch kommt" wichtig?

Ich wusste von vornherein, dass ich ganz explizit über bestimmte Themen, Haltungen und Einstellungen singen möchte. Mir war auch klar, dass ich dafür ein bisschen Raum brauchen würde und dass das Ganze nicht zu Showtreppe, Big Band und Glamourstyle passen würde. Es gab bei diesem Album nicht wirklich eine Vorproduktion, sondern nur den Song, die Akkorde, die Melodie, den Text und meistens eine Gitarre oder ein Klavier, das war's. So wurde jeder Song erstmal festgehalten. Anschließend haben wir Lied für Lied ausproduziert.

Ich wollte mich der Möglichkeit nicht berauben, auch leise Zwischentöne in der Klangfarbe der Stimme hörbar zu machen. Und ich wollte auch mich selber ein bisschen zurücknehmen, was natürlich nicht geht, wenn mich ein ganzes Orchester begleitet. Darum war klar, dass es von der Instrumentierung her etwas kleiner werden würde. Der Weg dahin war wesentlich beschwerlicher und auch von mehr Rückschlägen geprägt, als bei vorherigen Produktionen.

 

Habt ihr ausschließlich mit Live-Instrumenten gespielt?

Ja. Es gab hier und da natürlich auch mal ein paar Loops, die eingebaut wurden, aber die wurden zunächst eingespielt und dann als Loop eingesetzt.

 

Also wenn man eine Hammondorgel hört, dann ist das auch eine.

Das ist immer eine Hammondorgel, natürlich. So weit würde ich nie gehen.

 

Heutzutage lohnt es sich, mal nachzufragen...

Das stimmt, ja. Absolut.

 

Wo habt ihr das Album recorded?

Die meisten Sachen in Köln und einige in Hamburg.

 

Wie lange du daran gearbeitet?

Ungefähr ein Jahr. Ich wollte von Anfang an den Song "Straße" von Rio Reiser covern. Das war die erste Idee, die ich hatte zu dem Album hatte, und gleichzeitig der letzte Song, der fertig geworden ist. Fast hätte er es nicht einmal aufs Album geschafft.

 

Wird auch dein Live-Set dem Album entsprechend reduziert?

Meine Big Band wird mich auch bei der nächsten Tour komplett begleiten. Da wird nicht abgespeckt, stattdessen sehen wir zu, die Titel auch für alle Bläser umzusetzen, ohne die Anmutung des Titels komplett zu verändern.

 

Vielen Dank für deine Zeit!

 

Autor: Gideon Gottfried

Quelle: Musikmarkt - 19.03.2014

 

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